Der lebende Adventskalender am und im Kapellchen.


Die geheimnisvolle Krippe

Vor vielen Jahren war es, als der Pfarrer einer kleinen Gemeinde sich entschloss, eine Krippe besonderer Art aufzubauen. Er wollte die Menschen ein wenig aufrütteln und ihnen das Geheimnis der Menschwerdung Gottes erschließen. Seine Krippe sollte keine gewöhnliche Krippe sein. Als das Weihnachtsfest kam und die Menschen diese seltsame Krippe sahen, gab es in der ganzen Umgebung kein anderes Thema mehr; alle sprachen von der Botschaft, die in dieser Krippe verborgen war.

Auch Stefan und seine kleine Schwester Eva wollten die Krippe in dieser Kirche besichtigen. So machten sie sich auf den Weg. Es war kalt und dunkel in der Kirche.Etwas ängstlich blickten sie sich um.

„Schau da hinten, da brennt ein Licht“, bemerkte Eva.

„Da ist die Krippe“, flüsterte Stefan.

Beide wurden plötzlich ganz still und näherten sich langsam der Krippe, die ganz versteckt in einem Winkel hinter zwei dicken Marmorsäulen stand.

„Schau mal“, sagte Eva, „wie groß die Figuren sind. So groß wie wir.“

„Boah“, staunte Stefan. Mit offenem Mund traten sie ganz langsam an die Figuren heran.

„Da sind auch Ochs und Esel“, meinte Eva. Beide standen wie angewurzelt, schauten und staunten. So viele Figuren, fast lebendig.

“Siehst du das Jesuskind? Wo ist eigentlich das Jesuskind?“ wollte Stefan wissen. Ja, tatsächlich – wo war es? Jetzt erst merkten sie, dass die Krippe leer war. Das Jesuskind, wo war es?

„Vielleicht wurde es gestohlen“, meinte Eva.

„Quatsch!“ sagte Stefan, „es wird schon drin liegen. Sie ist halt etwas tief, die Krippe. Lass uns mal reinschauen!“

Stefan war zuerst da. Er beugte sich über den Krippenrand und tatsächlich: es lag kein Kind darin. Nur Stroh, nichts als Stroh. „Die ist ja leer“, sagte er enttäuscht.

Dann beugte sich Eva vor und rief „Da liegt ja ein Spiegel drin!“

„Tatsächlich, ein Spiegel!“ wiederholte Stefan. „Das ist eine blöde Krippe!“ fuhr er fort. „Da hat wohl jemand einen Scherz gemacht.“

Nach dieser Feststellung waren beide sehr enttäuscht. Sie hatten auf einmal keinen Blick mehr für die Hirten, die Engel und die Tiere; nicht einmal für Josef und Maria, die beide auf den Spiegel schauten. Sowas. Nein, sowas hatten sie noch nicht erlebt und sie machten sich enttäuscht auf den Heimweg.

„Mama, Mama, das Jesuskind fehlt. Da liegt ein Spiegel in der Krippe“, stürmten beide auf die Mutter ein, ganz außer Atem noch.

„Ein Spiegel? Aber Kinder, wollt ihr mich auf den Arm nehmen?“

„Wirklich, Mama“, bestätigte Stefan noch einmal.

„Das ist ja eine komische Krippe“, meinte die Mutter. „Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Aber Großvater wird es vielleicht wissen. Geht mal zu ihm und fragt ihn.“

„Das ist wirklich sehr interessant“, murmelte der Großvater. „Ein Spiegel statt Jesus. Das ist ja wirklich interessant.“

Großvater musste nachdenken und strich sich über das Kinn, so als ob er seine Weisheit herausziehen wollte. Nach einem langen Moment nachdenklicher Stille sagte er: „Kinder, ich glaube, euch das Geheimnis der Krippe verraten zu können. Setzt euch mal her und hört mir gut zu. Diese Krippe will uns eine Botschaft verkünden. Was meint ihr, hat der Spiegel zu bedeuten?“

Stefan und Eva überlegten. Doch sie konnten sich noch so anstrengen, es wollte ihnen keine so rechte Antwort einfallen.

„Nun“, setzte der Großvater fort „die Botschaft ist diese:

Gott ist in jedem Menschen zur Welt gekommen. Er ist auch in dir Mensch geworden.

Ihr habt euch im Spiegel gesehen, nicht wahr? Ihr habt ein Kind finden wollen und saht euer eigenes Gesicht. Damit will Gott sagen, dass wir selber sein Abbild sind. Versteht ihr, Kinder? Denkt einmal darüber nach. Diese komische Krippe sagt uns, dass das Weihnachtsfest in all den Äußerlichkeiten nicht verloren gehen darf.

Stefan und Eva schwiegen lange. An diesem Abend hatten sie viel nachzudenken.

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Eine Antwort zu Der lebende Adventskalender am und im Kapellchen.

  1. Elke Pauli schreibt:

    Hallo meine Lieben, noch nie habe ich Schöneres über eine Kapelle gelesen , ich bin gerührt.

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